
von Violeta Dinescu
Den besonderen Klang der Viola habe ich bereits während meines Studiums entdeckt. Seitdem nimmt dieses Instrument einen besonderen Platz in meinem kompositorischen Schaffen ein. Durch meine Begegnung mit der Bratschistin Sanda Crăciun Popa entstand das Stück Din Cimpoiu für Viola solo. Diese wunderbare Musikerin hat in mir den Wunsch geweckt, mich auch weiterhin kompositorisch mit der Viola auseinanderzusetzen und weitere Werke für dieses Instrument zu schreiben. Seither suche ich immer wieder nach neuen klanglichen Erscheinungsformen und Ausdrucksmöglichkeiten der Viola gesucht.
Mich interessiert zunächst der Reichtum des Violaklangs: Er ist tief und warm und kann zugleich fragil, transparent, dunkel oder von grosser Intensität sein. In bestimmten Registern besitzt die Viola eine be
sondere Nähe zur menschlichen Stimme. Durch eine möglichst natürliche Phrasierung kann ihr Klang Atem, Spannung, Zögern oder die fliessende Kontinuität einer melodischen Linie suggerieren.
In meinen Werken für Viola solo interessiert mich daher besonders die Fähigkeit dieses Instruments, einen Raum grosser innerer Vielfalt zu eröffnen – einen expressiven musikalischen Diskurs, der aus einem einzigen Klangkörper hervorgeht. Dies geschieht nicht nur durch das Spiel auf benachbarten Saiten, sondern ebenso durch Veränderungen des Registers, der Artikulation, der Dichte und der Klangfarbe. Auf diese Weise kann ein einziges Instrument den Eindruck einer inneren Mehrstimmigkeit erzeugen. Der Klang der Viola ist für mich deshalb nicht lediglich eine klangliche Eigenschaft des Instruments, sondern ein eigenständiges dramaturgisches Element des musikalischen Diskurses.
Eine andere Dimension eröffnet sich, wenn die Viola mit anderen Instrumenten in Dialog tritt. Durch die Beziehungen zwischen den verschiedenen Klangfarben kann sie einmal in den Vordergrund treten, dann wieder wie ein Schatten erscheinen oder die Fortsetzung einer anderen musikalischen Linie bilden. Die Schwingungen der Viola können sich so eng mit dem Klang anderer Instrumente verbinden, dass eine nahezu vollständige klangliche Verschmelzung entsteht. Ebenso können sie eine Art klangliche Spiegelung hervorbringen, die bis in den Bereich orchestraler Klangvorstellungen reicht. Mich interessieren gerade diese Grenzbereiche, in denen die Identität eines Klanges wahrnehmbar bleibt und sich zugleich durch seine Beziehung zu anderen Klängen verändert.
Besonders interessant wird dieser Prozess, wenn mehrere Bratschen gemeinsam musizieren. Ein einzelner Klang kann sich dann in einen komplexen Klangraum verwandeln. Die geringfügigen Unterschiede in Register, Intensität, Ansatz, Artikulation und Klangfarbe der einzelnen Instrumente erzeugen eine klangfarbliche Polyphonie, in der individuelle Stimmen und eine kollektive Klanggestalt ständig miteinander in Beziehung stehen.
So reicht die Erforschung der Viola in meinem Schaffen von der Solo-Bratsche bis zum Ensemble von vier Bratschen in Ostrov I und sieben Bratschen in Feuersee. Dabei geht es mir nicht einfach um die Vervielfachung eines Instruments, sondern um die Möglichkeit, aus einem einzigen Timbre eine ganze Klangwelt entstehen zu lassen. Die Viola kann eine einsame Stimme sein, aber ebenso ein vielstimmiger Klangkörper, in dem sich individuelle Stimmen einander annähern, sich überlagern, voneinander lösen und wieder zusammenfinden.
Der Klang der Viola bewegt sich dabei in einem besonderen Zwischenraum: zwischen Stimme und Instrument, zwischen Wärme und Schatten. Seine charakteristische Färbung kann intim und beinahe vokal erscheinen, während sie im hohen Register eine bemerkenswerte Fragilität und Intensität entfalten kann.
Ein wesentlicher Aspekt meiner Arbeit besteht darin, diese klanglichen Möglichkeiten durch die Notation so zu vermitteln, dass sie nicht nur möglichst präzise beschrieben werden, sondern zugleich die Interpretinnen und Interpreten zu einer eigenständigen und kreativen Gestaltung einladen. Die Notation soll eine musikalische Vorstellung vermitteln und gleichzeitig einen Raum für persönliche Entscheidungen eröffnen – für einen schöpferischen Prozess, in dem die Interpretierenden nicht nur vorgegebene Zeichen realisieren, sondern selbst an der Entstehung der musikalischen Gestalt beteiligt sind.
Damit verbindet sich für mich die Idee einer „existentiellen Kreativität“. Ich verstehe darunter eine Form des musikalischen Handelns, bei der die Interpretierenden ihre eigene Vorstellungskraft, ihre Wahrnehmung und ihre Entscheidungskraft in den Prozess einbringen. Kreativität entsteht dabei nicht erst dort, wo die Notation aufhört, sondern bereits in der persönlichen Auseinandersetzung mit dem notierten Material. Die Interpretation wird so zu einem Prozess des Werdens, in dem die musikalische Gestalt immer wieder neu entsteht.
Die traditionelle Notenschrift, wie wir sie in der Schule gelernt haben und wie sie sich über Jahrhunderte entwickelt und immer weiter verfeinert hat, ist letztlich eine Konvention. Sie ermöglicht eine außerordentlich präzise Übermittlung musikalischer Informationen. Zugleich gibt es Bereiche des musikalischen Ausdrucks, die sich durch diese Konvention nur bedingt festlegen lassen: die Elastizität einer Phrase, die Qualität einer Bewegung, die Entwicklung eines Klanges oder die individuelle Gestaltung einer musikalischen Geste.
Meine Notation greift deshalb die traditionelle Notenschrift auf und erweitert sie durch grafische und kalligrafische Elemente. Linien, Formen, Verdichtungen und Bewegungen können musikalische Gesten, melodische Verläufe oder rhythmische Prozesse andeuten. Sie schreiben nicht immer ein eindeutig reproduzierbares klangliches Ergebnis vor, sondern geben Impulse für dessen individuelle Realisierung.
Diese Form der Notation ist mir dabei keineswegs fremd und auch nicht ausschließlich in der zeitgenössischen Musik zu finden. Anregungen dafür habe ich sowohl in zahlreichen Partituren der Gegenwart als auch in Notationsformen früherer Epochen gefunden – etwa durch die grafische und kalligrafische Qualität bestimmter Notationsformen bei Marin Marais oder Johann Baptist Vanhal. Für mich bedeutet die Erweiterung der traditionellen Notenschrift daher nicht, eine gewachsene Konvention zu negieren, sondern ihre Möglichkeiten weiterzudenken und dort zu öffnen, wo sie die musikalische Vorstellung nicht vollständig erfassen kann.
Die Notation soll nicht nur festhalten, was gespielt werden soll. Sie soll auch sichtbar machen, wie ein Klang entstehen, sich verändern und weiterentwickeln kann. Gerade bei der Viola, deren klangliche Identität so viele Zwischenbereiche kennt, eröffnet die Verbindung von präziser Notation, grafischer Andeutung und interpretatorischer Freiheit einen besonderen Raum für musikalische Ausdruckskraft.
In diesem Sinne verstehe ich Notation nicht als endgültige Festlegung eines musikalischen Objekts, sondern als Einladung zur schöpferischen Begegnung. Die Partitur bewahrt eine musikalische Vorstellung und lässt zugleich Raum dafür, dass diese Vorstellung durch die Wahrnehmung und die Entscheidungen der Interpretierenden eine neue, eigene Gestalt annimmt. Existenzielle Kreativität bedeutet für mich gerade diese Verbindung von Bewahren und Verändern, von Bindung und Freiheit.
Musiknoten zum herunterladen von Violeta Dinescu |
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